Prosodie – Hinter die Wörter blicken

Ein anderes Thema, das Vanesa Pizzuto auf dem Kongress „The Sun Still Shines“ in ihren Andachten erwähnt hat, war ‚Prosodie‘. Prosodie bezeichnet die Melodie, das Tempo, die Lautstärke, die Betonung, die Pausen und den Rhythmus der gesprochenen Sprache. Prosodie erfüllt damit mehrere Aufgaben gleichzeitig.

  1. Strukturiert die Sprache
  2. Unterscheidet die Satzarten
  3. Vermittelt Emotionen
  4. Gibt Fokus und Bedeutung

Worte tragen also die semantische Information, den Inhalt des Satzes. Prosodie trägt die relationale Information; wie der Inhalt gemeint ist.

Doch das ist noch lange nicht alles. Neurowissenschaftler betrachten das Gehirn und wie Sprache dort verarbeitet wird. Während die linke Gehirnhälfte stärker die sprachliche Struktur verarbeitet, ist die linke Gehirnhälfte besonders an der emotionalen Prosodie beteiligt. Bereits Säuglinge reagieren auf diese Muster, noch bevor sie Wörter verstehen. Hören wir Menschen in einer anderen Sprache reden, dann erkennen wir Bedeutung oft am Klang. Offenbar transportiert Prosodie eine zusätzliche Ebene an Information.

Dabei sind die Klangbilder, die wir hören, erlernt. Bestimmte Klangbilder assoziieren wir automatisch mit einer bestimmten Emotion und diese Emotion ordnen wir im Rückschluss dem Klangbild zu. Erstaunlicherweise lernen wir im Alltag trotzdem sehr ähnliche Kombinationen zwischen Klangbild und emotionaler Reaktion.

Im Alltag stellen wir aber immer wieder fest, dass Klangbild und Emotion bei Menschen unterschiedlich ausfallen. Während einer bereits in Panik verfällt, bleibt das Gegenüber noch völlig entspannt. Das zeigt, dass unsere Sprache so viel mehr als nur Worte und Klangbild ist.

Anders betrachtet

Auf physikalischer Ebene ist Sprache ein Energieereignis. Beim Sprechen erzeugen wir Schalldruckschwankungen, Frequenzmuster, zeitliche Strukturen und Intensitätsverläufe. Der gleiche Satz (z.B. „Ich liebe es.“) kann aber viele Bedeutungen haben, obwohl die Energie nahezu gleich bleibt. Der Unterschied liegt nämlich nicht in der Energiemenge, sondern in der Organisation dieser Energie.

Das lässt dich vielleicht an Musik denken. Ein Klavier besitzt nur 12 Töne pro Oktave und die Energie der angeschlagenen Tasten ist häufig vergleichbar. Dennoch entsteht eine große Variation an Musik, wie zum Beispiel Beethoven, Tschaikovsky, Jazz, Kinderlieder, Filmmusik, Trauermärsche, Worshipmusik und vieles mehr. Der Unterschied liegt nicht in der Menge an Energie, sondern in der Anordnung dieser Energie. Prosodie ist also ein extra Level, versteckt hinter den Wörtern. Sie gibt zusätzliche Informationen, ohne mehr Wörter hinzuzufügen.

Wenn man sich verschiedene Bereiche genauer anschaut, dann merkt man schnell, dass Prosodie eigentlich ein universelles Prinzip ist. In allen Fällen ist die reine Energie nicht entscheidend, sondern die Anordnung dieser Energie.

BereichEnergieProsodie
SpracheSchallIntonation, Rhythmus
MusikSchallMelodie, Takt
Herzelektrische ImpulseHerzrhythmus
Gehirnneuronale AktivitätHirnrhythmus
Lichtelektromagnetische EnergieModulation
Genetikchemische EnergieSequenzmuster

Die Prosodie zeigt auf anschauliche Weise, dass Bedeutung nicht allein aus Energie oder Daten entsteht, sondern vor allem aus deren zeitlicher und struktureller Anordnung. Dieselbe Energiemenge kann, je nachdem, wie sie organisiert ist, völlig unterschiedliche Informationen transportieren und unterschiedliche Wirkungen entfalten. Prosodie ist damit ein alltäglich erfahrbares Beispiel dafür, wie Struktur Bedeutung hervorbringt und erst die Anordnung der Elemente einer Botschaft ihren Sinn verleiht.

Unser Gehirn nimmt auf

Wenn wir jemandem zuhören, verarbeitet unser Gehirn nicht nur die wörtliche Bedeutung des Gehörten, sondern vor allem auch, wie es gesagt wurde. Und all das, ohne dass wir es bewusst mitbekommen. Du kannst das gerne auch mal zu Hause selbst ausprobieren. Am besten funktioniert das mit einer anderen Person zusammen. Ihr nehmt zum Beispiel das Wort „super“ und sagt es laut in verschiedenen Gefühlslagen: fröhlich, traurig, aufgeregt, wütend, neidisch und neutral. Kannst du den Unterschied hören? Besonders gut funktioniert das im Deutschen mit schön, tja, wunderbar oder „Das freut mich für dich“. Ihr könnt es aber auch mit anderen Wörtern versuchen. Im Englischen sind ‚fine‘ oder ‚good‘ gute Wörter für dieses Experiment.

„Durch unseren Tonfall und die Höhen und Tiefen unserer Stimmen beim Sprechen, vermitteln wir unsere hinterliegenden Absichten. Das Nervensystem hört diese Information bevor es irgendwelche anderen Informationen wahrnimmt. Wenn wir einen einladenden Tonfall hören, hören wir der Unterhaltung zu, und wenn wir einen warnenden Tonfall hören, achten wir auf Anzeichen von Gefahr und verpassen die Bedeutung der Wörter. Wir hören den Klang der Wörter, bevor wir nach der Bedeutung dieser Worte suchen.(eigene Übersetzung)

Anchored: How to Befriend Your Nervous System Using Polyvagal Theory von Deb Dana

Deb Dana schreibt das in ihrem Buch sehr schön. Bevor unser Gehirn überhaupt die genaue Bedeutung der Wörter wahrnimmt oder sucht, hört und verarbeitet es zuerst den Klang, also den Tonfall und die Gefühle dahinter. Und je nachdem, was das Gehirn wahrnimmt, reagiert es dann auch dementsprechend.

Versuch dich mal an eine Situation zu erinnern, in der du ermahnt wurdest: Kannst du dich noch daran erinnern, was gesagt wurde? Oder nur noch daran, dass du ermahnt wurdest? Wenn du in eine solche Situation kommst, vielleicht kannst du dies bewusst wahrnehmen.

Dazu gibt es eine für mich faszinierende Beobachtung. Auch wenn zwei Menschen sich miteinander unterhalten und du nicht direkt betroffen bist, nimmst du Rhythmus und Melodie auf und dein Körper verarbeitet das Gehörte. Die Prosodie hinter den Worten nimmst du wahr und verarbeitest sie, auch wenn du nicht davon betroffen bist.

Wann hast du das letzte Mal strategisch über Worte, Inhalt, Klangbild und Wirkung nachgedacht? Für uns ist es in der Regel nur wichtig, etwas zu sagen und idealerweise das, was ich meine, dem anderen zu vermitteln. Das betrifft auch die Kommunikation mit Gott.

Gottes Intention

Vanesa hat in ihrer Andacht davon gesprochen, dass wir verstehen, was Gott mit seinen Worten meint, wenn wir seine Intention dahinter verstehen. Gottes Intention hinter allem, was er sagt, ist Liebe, selbst wenn wir ihn in einer konkreten Situation nicht verstehen. Aber eben weil Gott uns liebt, möchte Er uns helfen zu wachsen. Dazu gehört auch, uns vor Herausforderungen zu stellen und uns die Augen für uns selbst zu öffnen. Nun, ich gebe zu, das ist nicht immer angenehm. Er liebt und unterstützt dich und mich durch und trotz der Art, wie wir unser Leben leben.

Und das ist die wahre Liebe: Nicht wir haben Gott geliebt, sondern er hat uns zuerst geliebt

1. Johannes 4,10a

Fazit:

Worte sind mehr als nur sachliche Information. Wir verarbeiten die Intention hinter den Wörtern vor der tatsächlichen Bedeutung des gesprochenen Wortes. Auch in unserer Beziehung mit Gott ist es so. Die Intention prägt das Gehörte, Erlebte und Gelesene. Gottes Intention für uns ist immer Liebe, und wenn wir das wahrnehmen, verstehen wir Ihn auch besser. Gott liebt dich, selbst wenn du nichts von ihm wissen willst.

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