Sprachverständnis und der „Aha-Effekt“

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© Stéphanie Kilgast

Sprache ist unser hauptsächliches Mittel, um Informationen weiterzugeben. Ob wir die Informationen auch immer verstehen können, steht auf einem anderen Blatt. 

Die Rolltreppe, die nach unten führt ist ziemlich lang. Dicht gedrängt stehen die Menschen hintereinander, wobei sie links eine Trasse für diejenigen lassen, die es eilig haben. Das macht man in München so. Endlich unten angekommen, gehe ich den Bahnsteig entlang und steuere auf einen der Glaskästen zu, hinter denen ich einen Streckenplan vermute. Ich habe Glück und finde gleich einen, der mir in vertrauter Weise zeigt, welchen Zug ich nehmen muss, um mein Ziel zu erreichen.

Vertrautheit

Ich verstehe den Fahrplan, weil ich schon in jungem Alter lesen gelernt habe und mittlerweile weiß, wie ich mich auf solch einem Streckennetz orientieren muss. Gott sei Dank ist man als Mensch ja intelligent und kann mit so ziemlich allem umgehen lernen, was einem das Leben vor die Augen bringt. Irgendwann ist eine bestimmte Sache vertraut, und man muss nicht mehr überlegen und herausfinden, wie es funktioniert. Man kann es einfach. Und selbst wenn es nur so eine banale Sache ist, wie diesen Streckenplan zu lesen — nüchtern betrachtet ist es eine Meisterleistung des Gehirns.

Das ist keine Selbstverständlichkeit, ich habe eine ähnliche Situation schon Indien erlebt…allerdings mit weniger Erfolg. Die Schrift auf dem Fahrplan gestalte sich genauso kringelig und schwierig zu lesen für mich, wie alles andere. Ich war auf fremde Hilfe angewiesen. Die Schrift war mir einfach nicht vertraut, und somit war es mir auch unmöglich, die für mich wichtige Information herauszuholen.

Vergangenheit

Nicht nur in anderen Kulturen stoßen wir Menschen somit auf eine manchmal fast unüberwindbare Barriere. Wir brauchen bloß einmal ein altes Buch zur Hand nehmen und versuchen, darin zu lesen. Erstens wird uns bereits die alte Schrift dabei Schwierigkeiten bereiten und zweitens die Wahl der Wörter inklusive Grammatik und Ausdrucksweise. Das Buch wird sich lesen, als wäre es aus einer anderen Welt, was es letztlich auch ist. Aber nicht nur mit Büchern ist das so — mit Filmen erleben wir es ähnlich. Sogar Möbel und Kleidung erscheinen uns sonderbar, wenn sie aus einer anderen Zeit als der unseren sind.

Das Alte im neuen Gewand

Viele verstehen sich jedoch meisterlich darin, Kleidung oder Möbel aus einer anderen Zeit neu zu interpretieren oder gekonnt in heutige Mode und Architektur einzubinden. Somit schaffen sie etwas Neues, was uns das Alte behalten lässt. Dies geschieht aber in einer Art und Weise, die wir verstehen und deren Schönheit wir begreifen können. Auch Filme und Bücher werden neu gemacht. Ein Stück Inhalt — übersetzt und relevant gemacht für unsere Zeit. Ein wahrer „Aha-Effekt“.

Auf diese Weise wurde z.B. Shakespeares „Romeo und Julia“ in einer neuen Geschichte verfilmt, die Millionen Zuschauer im Kino zum Weinen brachte. 

Ein anderes Stück Literatur erfährt seit Jahrhunderten den selben Prozess: es wird an die Sprache einer neuen Generation angepasst. Die Bibel ist ein Buch, das jeder neuen Generation etwas zu sagen hat. Die Geschichten, die wir darin finden, berühren auch heute noch das Herz von Millionen Menschen. Kaum jemand kann sie allerdings in ihrer originalen Sprache und Fassung lesen, die meisten tun sich ja schwer sie in altem Deutsch zu lesen. 

Für mich ist das auch absolut logisch. Es gibt einen Grund, warum wir Menschen immer wieder das Alte mit dem Neuen verbinden: nur so kann es unser Herz berühren, weil es unsere Sprache spricht.

Ich wünsche dir, dass du dich immer wieder davon begeistern lässt, nach alten Schätzen zu graben und diese neu für dich zu entdecken. Falls die Bibel bisher für dich nur ein angestaubtes, altes Buch mit einer komischen Sprache war, dann versuche doch einmal, sie in deiner eigenen Sprache zu entdecken. Du findest bestimmt eine Übersetzung, die deine Sprache spricht.

Marcus
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